Platinblonde Locken, übermäßig volle, rote Lippen, Sanduhr-Silhouette und perfekt geformte Brüste – die Künstlerin Marta Kuhn-Weber, die 1990 im Alter von 87 Jahren starb, hat das ikonische Aussehen Marylin Monroes mit ihrer Puppe maßlos übertrieben.
„Puppen, Pop und Poesie“ – der Name der neuen Ausstellung, die seit dem 14. März 2025 im Museum für Neue Kunst zu sehen ist, weckt eher fröhliche Assoziationen. Die übertriebene Darstellung von Geschlechtsteilen, Lippen und Augen der Puppen, die Marta Kuhn-Weber angefertigt hat, lässt Besucher*innen aber eher erst einmal zurückweichen.
Seit dem 14.3.2025 zeigt das Museum für Neue Kunst Marta Kuhn-Webers Werk, das neben den exzentrischen Puppen auch Tonskulpturen, Gemälde, Texte und Fotografien umfasst.
Die Puppen sind bis zu 1,20 Meter groß sind und somit alles andere als klein und bespielbar. Marta Kuhn-Weber nannte ihre Puppen „Figures en chiffon“, Lumpenfiguren. Nach Marionetten für Theaterstücke, entstanden die ersten Puppen 1949. Da Materialien in der Nachkriegszeit knapp waren, schnitt die Künstlerin alte Sessel auf und stickte ihren Figuren Rosshaar auf den Kopf.
Wer mehr über Kuhn-Webers Leben und Persönlichkeit erfährt, versteht ihren Drang zur Exzentrik. Sie selbst war klein, hatte wildes schwarzes Haar. Ihr Aussehen und ihre Persönlichkeit entsprachen nicht den gängigen Schönheitsidealen der 50er und 60er Jahre. Auf ihren Selbstportraits sehen Besucher*innen eine selbstbewusste und eigenwillige Frau, die scheinbar unbeeindruckt von der Meinung anderer war.
Leben in Freiburg
Nach Stationen in Berlin, Paris, Basel und dem Allgäu zog sie 1949 nach Freiburg, wo ihr Mann Anton Weber als Filmemacher arbeitete. Die Familie lebte in der Wiehre, in der Beethovenstraße 7. Von der Fasnachtzeit inspiriert, fertigte sie erste Clown-Figuren an, bis sie für ihre Stoffskulpturen menschliche Vorbilder nahm: Rock- und Filmstars wie Mick Jagger, Janis Joplin oder Sharon Tate. Wie in der Ausstellung zu lesen ist, ging es ihr dabei um die Reduktion dieser Stars auf ihr öffentliches Image – und gleichzeitig wollte sie sie verletzlich und menschlich zeigen.
Künstler*innenleben als Selbstinszenierung
In der Ausstellung erfährt man, was Marta Kuhn-Weber mit ihren Figuren ausdrücken wollte: Sie lehnte sich gegen Konventionen auf, wollte ihre Emotionen frei ausleben. Selbstportraits der Künstlerin zeigen sie mit blauen Lippen, weiß geschminkt mit schwarz- umrandeten Augen, fast so, als wäre sie selbst eine ihrer Puppen. Besonders gern schien sie sich im Spiegel zu betrachten, wie Fotografien zeigen.
Mein Traum wäre es, den ganzen Tag verkleidet herumzulaufen, mit Schleiern um den Kopf, mit Federn, das Gesicht weiß geschminkt, mit einer Menge Schmuck […] – Marta Kuhn-Weber
In der Ausstellung ist auch ein KI-generiertes Video des deutschen Fotografen Boris Eldagsen zu sehen. Es zeigt ein Duett mit Mick Jagger und Taylor Swift. Das Video lädt zum Gedankenspiel ein, wie eine Taylor Swift Puppe von Marta wohl aussehen würde.
Weder Mann noch Frau
Bei der Ausstellungseröffnung beschreibt Kuratorin Christine Litz die Exzentrik Marta Kuhn-Webers als „Auflehnung und Krisenlösung“. Ihr Werk sei ausdrucksstark und kämpferisch, weil sie einen Kampf gegen die zeitgenössischen Strömungen und gegen sich selbst führte. Mit 13 Jahren lernt sie als Steinmetzin im väterlichen Betrieb, allerdings war die Bildhauerei in den 20er und 30er Jahren eher den Männern vorbehalten. Trotzdem entscheidet sich Marta Kuhn-Weber für das künstlerische Handwerk. Ihr Werk falle deshalb aus den damaligen Strömungen heraus, lasse sich kunstgeschichtlich schwer einordnen. Auch, weil es damalige Randthemen wie Queerness behandele: Puppe „Wanda“ ist weder Frau noch Mann.
Selber Puppen kreieren
In der Ausstellung können Besucher*innen in einem nachgebauten Atelier und einem „Raum im Raum“ besonders nah an die Puppen herantreten, um Nähte, Fäden und Material besser zu sehen. Von der Decke hängen Kopfhörer, in denen Popsongs „à la Marta“ laufen, zum Beispiel „Martha My Dear“ von den Beatles.
Ob Marta Kuhn-Weber diesen Song auch selbst gehört hat, kann man nur vermuten. Im letzten Ausstellungsraum können große und kleine Besucher*innen eine Puppe ganz nach Belieben mit Accessoires besticken und so eine ganz eigene „Figure en chiffon“ kreieren.